DIE ERNST JANDL SHOW Eine Ausstellung des Wien Museums und des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte und Theorie der Biographie in Kooperation mit der Österreichischen Nationalbibliothek. Bis 13. Februar 2011
Berühmt wurde Ernst Jandl (1925-2000) mit seinen Laut- und Sprechgedichten. Als genialer Auftrittskünstler brachte er das Publikum zum Lachen und Nachdenken, manchmal zum Toben. Er überschritt die Grenzen zwischen Poesie, Performance, Musik und bildender Kunst und bewegte sich souverän im Feld der internationalen Avantgarde.

Ernst Jandl bei einem Auftritt in Darmstadt, 1997, Foto & Copyright: Matthias Creutziger
Seine Texte verbinden Witz mit existenziellem Ernst, Lust an der Sprache mit politischem Engagement. Jandl begeistert – fast wie ein Popstar – ein breites Publikum über Generationen und Sprachgrenzen hinweg. Er war stets auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen, schrieb Gedichte in Alltagssprache, experimentelle Prosa, Hörspiele, Theaterstücke, Film-Drehbücher und sogar ein Ballett. Er übersetzte Texte von Avantgarde-Künstlern wie Gertrude Stein und John Cage. Über Jahrzehnte arbeitete der leidenschaftliche Jazzfan mit Musikerinnen und Musikern zusammen, seine Literatur ist mit Musik aufs engste verbunden, Jandls Stimme „gleicht mehreren noch zu erfindenden Instrumenten“ (Jürg Laederach).
Die Ernst Jandl Show im Wien Museum Karlsplatz inszeniert Jandls Werk in seiner Vielstimmigkeit, Internationalität und Intermedialität: mit zum Teil unbekannten Ton- und Filmaufnahmen, Fotos und Lebensdokumenten sowie vielen unveröffentlichten Texten. Jandl wird als Künstler sichtbar, der an den Schnittstellen von Text, Ton und Bild arbeitete und dessen innovative Kraft bis in die Alltagskultur hinein fortwirkt.
Erstmals wird neben Jandls Greatest Hits faszinierendes Material aus dem Nachlass – der vom Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek betreut wird – öffentlich präsentiert. Dabei wird deutlich, wie sehr bei Jandl Leben und Schreiben ineinander verschränkt sind. Eine Hommage an den populärsten österreichischen Lyriker nach 1945, der vor zehn Jahren starb und heuer seinen 85. Geburtstag gefeiert hätte.
Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt des Wien Museums und des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte und Theorie der Biographie in Kooperation mit der Österreichischen Nationalbibliothek. Noch mehr Jandl bietet das hochkarätige, umfangreiche Begleitprogramm mit vielen Angeboten speziell für Kinder und Jugendliche. Viele der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler sind einstige WeggefährtInnen Jandls oder haben sich intensiv mit dem Schriftsteller und seinem Werk auseinandergesetzt, unter ihnen Wolfram Berger, Markus Binder (Attwenger), Dieter Glawischnig, Martin Haselböck, Bodo Hell, Friederike Mayröcker, Mieze Medusa, Christian Muthspiel, Lauren Newton, Wolfgang Puschnig, John Sass, Franz Schuh, Martin Schwab und Emmy Werner.
Ausstellungsrundgang
Die Ernst Jandl Show gliedert sich in elf Stationen, wovon sich die ersten beiden prägenden Jugenderfahrungen Jandls widmen. Unter dem Motto „ich schreie mich frei“. Herkunft und Einflüsse geht es zunächst um sein Verhältnis zur Mutter, die ihre Kinder streng katholisch erzog und selbst Gedichte schrieb. Ihr früher Tod 1940 war zugleich traumatisches Erlebnis und Befreiung, denn der Sohn entdeckte danach – mitten im Krieg – die verpönte Welt der modernen Kunst. Mit der Gestalt der Mutter setzte sich der Schriftsteller zeitlebens auseinander, am radikalsten in dem Gedicht „der schrei“: „ich habe meine mutter durchlocht / als ich herauskam, oh welcher schrei“.
Neben dem Katholizismus der Mutter war es das nationalsozialistische Milieu, dem Jandl entkommen musste (Station 2: Kriegsstimmen. Verführer und (Anti-)Helden). Als Jugendlicher war er Ohrenzeuge beim „Anschluss“ am 15. März 1938 auf dem Heldenplatz, eines seiner berühmtesten Gedichte, „wien: heldenplatz“ von 1962, ist die Antwort auf die alles dominierende Hitlerstimme mit den Mitteln experimenteller Poesie. Mit der Entdeckung der Fähigkeit, aus Sprache Gedichte machen zu können, wurde die eigene Stimme „frei, um fortan, vor mir und vor anderen, alles zu tun was ihr in den Sinn kam, ohne daß sie sich weiter der Wörter und Sätze und Gedanken besinnen mußte, von denen sie so viele Jahre gefangen gehalten worden war“. Seine Sprechgedichte wie „schtzngrmm“ entfalteten erst im Vortrag ihre elementare Wirkung, legendär wurden seine Auftritte wie jener in der Londoner Royal Albert Hall im Jahr 1965, als er 7000 BesucherInnen in Trance versetzte und dem Star des Abends, dem Beat-Poeten Allen Ginsberg, die Show stahl.
Die dritte Station ist Jandls „Doppelleben“ als Englisch- und Deutschlehrer und Schriftsteller gewidmet (Jandls Schule der Literatur. Der Dichter als Erzieher). Die Schule sicherte ihm finanziell die Existenz und gab ihm so die Freiheit zu schreiben, sie bedeutete aber auch eine große Belastung für ihn. In seinem Unterricht legte er sehr viel Wert auf eigenständiges Denken und Förderung der Individualität.

Ernst Jandl mit seinen Schülern, um 1960, Foto & Copyright: Literaturarchiv der ÖNB
Die Befreiung von sprachlichen Konventionen und gesellschaftlichen Zwängen war für ihn ein zentrales emanzipatorisches Anliegen. Viele seiner Gedichte haben Aufforderungscharakter: Sie laden dazu ein, selbst mit Sprache zu experimentieren. Dass gerade Kinder und Jugendliche dieser Einladung begeistert folgen, wird in den vielen Gedichten und Zeichnungen deutlich, die Jandl zugesandt bekam.
Station 4: Innovation und Experiment. Jandl und die Avantgarden – Kurt Schwitters, Hugo Ball, Hans Arp, Gertrude Stein und andere experimentelle DichterInnen inspirierten Jandl, dessen literarische Anfänge im restriktiven Kulturklima der 1950er-Jahre enorm angefeindet wurden. 1957 kam es zum intensivsten Kontakt mit der Wiener Gruppe, vor allem mit H.C. Artmann und Gerhard Rühm, Jandls erste Gedichtbände konnten jedoch erst rund zehn Jahre später erscheinen (Laut und Luise, 1966; sprechblasen, 1968). In den 1960er-Jahren intensivierte sich auch der Austausch mit experimentell arbeitenden internationalen KünstlerInnen.
Dass Jandl jedoch nicht auf seine experimentellen Sprechgedichte oder auf die Lautgedichte allein festzulegen ist, wird in der Station 5 („ich sein sprachenkunstler“. Der vielsprachige Jandl) erlebbar. So entdeckte er für seine Arbeit die „heruntergekommene Sprache“, eine deformierte und fehlerhafte Sprachform, die er auch als Ausdrucksmittel für körperliche und psychische Krisenzustände verstand und „literaturfähig“ machte. In den 1990er-Jahren widmete er sich dem Dialekt: Mit der musikalischen Form der G’stanzln im Gedichtband stanzen setzte ein neuer Produktionsschub ein. Vermehrt schrieb Jandl aber auch Texte auf Englisch, neben dem Jazz war das Englische für ihn von Jugend an die Sprache der Freiheit.
Nicht nur in der Literatur erkundete er Neuland, er überschritt auch die Grenzen zur bildenden Kunst (Station 6: Von der Schrift zum Bild. Jandl und die Kunst der Grenzüberschreitung). „Etwas zu machen das man herzeigen kann hat mir immer schon Spaß gemacht. Darum habe ich als Kind gern gemalt“, schrieb Jandl in einem autobiografischen Text. Der Nachlass enthält eine Fülle an Zeichnungen und grafischen Arbeiten, viele davon zeigen Köpfe. Auch in seinen literarischen Arbeiten versuchte sich Jandl immer wieder an der Form des Porträts oder Selbstporträts.

“my right hand” – Ernst Jandl, Zeichnung aus dem Nachlass Ernst Jandls, 1970er-Jahre, Copyright: Literaturarchiv der ÖNB
Kommunizierende Gefäße: Ernst Jandl / Friederike Mayröcker – Die siebente Station steht ganz im Zeichen des gemeinsamen „Schreiblebens“ von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker, das mehr als vier Jahrzehnte umfasste. Nicht nur ihre Poetik ging nach anfänglichen gemeinsamen Schreibversuchen in völlig verschiedene Richtungen, auch im Alltag waren sie in vielem konträr. Er arbeitete am liebsten während der gemeinsamen Sommeraufenthalte im steirischen Rohrmoos oder in Puchberg am Schneeberg, sie ging lieber in die Natur hinaus. Sie war und ist Frühaufsteherin, er ging spät zu Bett. Er liebte laute Musik, sie leise Töne, auch in der Literatur.
Laut geht es in der Ausstellung weiter: Station 8 nennt sich „jazz me if you can“. Jandl und die Musik und erkundet die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Jandls Poesie und Musik, insbesondere dem Jazz. Dessen vorwärtsdrängender Beat gab vielen Gedichten den Ton vor, Musik wurde von Jandl als Ausdruck individueller und gesellschaftlicher Freiheit empfunden. Die exakte Verteilung von Wörtern, Silben und Lauten im Gedicht, die Reihungen und Wiederholungen, die Akzentsetzungen – all dies findet sich in den Texten, und es korrespondiert mit musikalischen Strukturen. Gezeigt werden Ausschnitte von Jandls Auftritten mit Dieter Glawischnig und der Bigband des Norddeutschen Rundfunks, mit Mathias Rüegg und dem Vienna Art Orchestra, mit der Sängerin Lauren Newton oder dem Akkordeonspieler Erich Meixner.
Station 9: Die Listen des Alltags. Leben und Schreiben – Hier wird ein Einblick in Jandls Privatleben gegeben, mit Fokus auf Gepäck-, Einkaufs- oder Medikamentenlisten, die der Schriftsteller führte und die seinem Leben den nötigen Halt gaben. Die Verbindung zum Werk stellen die zahlreichen ebenso akkurat geführten Wortlisten dar, die als Reservoir für die Gedichtproduktion dienten: Die Wörter wurden in stets neue Zusammenhänge gebracht.
Um einen zentralen Aspekt in Jandls Spätwerk geht es in der vorletzten Station mit dem Titel „den mund mach auf mach zu“. Der Körper und seine Teile. Viele von Jandls sprachlichen Selbstporträts führen den Körper in verstörenden Verfallszuständen vor. Die Gedichte sprechen vom Alter und von körperlichen Gebrechen in einer beklemmenden Direktheit. Dabei verfügte Jandl über sprachlichen Witz und Sinn für die absurde Komik der menschlichen Existenz. Auch die Stimme, Jandls bevorzugtes Organ, bleibt nicht verschont: Sie wird malträtiert, ihr Ausdrucksspektrum reicht bis zum Ächzen, Krächzen, Lallen und Stöhnen.
Mit Jandls Tod ist zwar seine Stimme nicht mehr live zu hören, aber seine Texte strahlen weiterhin beeindruckende Lebenskraft aus. Das zeigen Bearbeitungen für das Theater, in der bildenden Kunst, in der Musik und im Film. Jandl selbst verfolgte eine Zeitlang den Plan, einige seiner Entwürfe zu veröffentlichen, damit andere sie weiterschreiben können. Das Projekt „Gedichte zum Fertigstellen“ wurde für diese Ausstellung realisiert; es konnten namhafte Autorinnen und Autoren dafür gewonnen werden. Lebendig bleiben Jandls Texte gerade dann, wenn sie immer wieder aufs Neue laut gelesen werden und wenn sie zu einem kreativen Umgang mit Sprache anregen. Die elfte und letzte Station der Ausstellung („end of a speaker?“ Jandl für alle!) fordert die BesucherInnen auf, selbst zu „jandln“.
Kuratorisches Team und Katalog
Die Ausstellung wird kuratiert von Bernhard Fetz, dem Direktor des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, und Hannes Schweiger vom Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie. Von Seiten des Wien Museums war Vizedirektorin Ursula Storch für die kuratorische Beratung zuständig.
Zur Ausstellung im Wien Museum Karlsplatz erscheint ein Katalog im Residenz- Verlag mit zahlreichen Abbildungen und Beiträgen von Frieder von Ammon, Christa Blümlinger, Bernhard Fetz, Wolfgang Gratzer, Monika Schmitz-Emans, Franz Schuh, Hannes Schweiger und Ursula Storch sowie „fertiggestellten“ Gedichten von Ann Cotten, Franz Josef Czernin, Brigitta Falkner, Bodo Hell, Friederike Mayröcker, Arne Rautenberg, Ferdinand Schmatz und Yoko Tawada. Zur Ausstellung wird außerdem eine Begleit-DVD mit zahlreichen auch audiovisuellen Dokumenten aus dem Nachlass publiziert, ein virtueller Gang durch Ernst Jandls Lebens-Werk.